12. Coronawoche und ihre Texte

Nähern wir uns wieder dem Normalzustand in der 12. Viruswoche?

Nun ja, einige Kurse finden wieder statt und dort schreiben wir wieder gemeinsam. Von daher ist die Textausbeute in dieser Woche etwas kleiner. Aber nicht alle Veranstaltungshäuser haben wieder geöffnet und so sende ich wacker meine Schreibimpulse in die Runde - für all die Menschen, die sich noch nicht in den Gruppen treffen können und für die an den Bildschirmen.

 

Trauen Sie sich, Ihre Texte zu schicken, aber wichtiger noch: Halten Sie den Stift (oder die Tastatur) in Bewegung!

Ihre Cornelia

Schreibimpuls 1:

In der aktuellen Literaturzeitschrift ‚Federwelt‘ fand ich den Lyrikworkshop von  Martina Weber, der sich ‚Lyrikweberei‘ nennt. Gerne nehme ich ihren Impuls auf und Sie können  ‚Ein Gedicht in seiner kompletten Struktur übernehmen‘ ...

 

Hierzu konnten Lieblingsgedichte (aber keine eigenen) oder mein Arbeitsblatt mit einer lockeren Auswahl an Gedichten genutzt werden.

 

Dazu Entstanden:

Zu 'Ich sah einen Adler wiegen' von Anna Ritter

 

Ich sah einen Rehbock grasen

Inmitten des Waldes Grün.

Und schaute hin zu den Veilchen

Die duftend am Wegesrand blüh’n

 

Drei Ricken mit ihren Kitzen

Sah ich entlang des Baches zieh‘n

Ich blickte hoch zu den Wolken

Wollt‘ hin zu ihnen flieh’n

 

© Lothar Lax

 

 

 

Zu Weltklima 2040 von Thomas Gsella

 

Erkenntnis total.

 

Wäre ich schon als Kind gestorben,

hätte ich manches nicht erlebt.

So aber habe ich die Erkenntnis erworben,

dass die Welt sich weiter dreht.

 

© Franz Köhler

 

 

Zu Weltklima 2040 von Thomas Gsella

 

Sein und Schein:
Wenn die Menschen roh sind,
wird das Glück nicht greifbar sein
Und es bleibt der schnöde Schein
Bis sie wirklich froh sind

© Uli Kölling

 

 

Zu Das graue Haar (Mascha Keléko)

 

Allein bin ich nicht

 

Schon früh hast du gesagt: "Ich werde gehen,

Jahre vorher - bevor kommt deine Zeit.

Für dich wird manches Schönes noch geschehen,

bis du dann schließlich sagst: Ich bin bereit."

 

Dass ich dich traf vor vielen Jahren, ein Glück,

das vielen im Leben wird nicht beschert.

Erinnerungen bringen mir zurück

'Bis das der Tod uns scheidet' hat sich bewährt.

 

Es waren wahrlich nicht nur leichte Zeiten.

Doch zu zweit warn leichter sie zu ertragen.

Und wie viel Freude durch die Zeit zu gleiten,

als wir uns -  Kinder haben - konnten wagen.

 

Dankbar für all die langen Jahre,

die ich gelebt, Liebster, allein mit dir.

Ein Lächeln wag ich trotz der grauen Haare.

Im Herzen und im Traum bist du bei mir.

 

Und gäbe es für uns ein zweites Leben -

wie gerne würd ich dir nochmal das JA-Wort geben.

 

© Karolina Sinn 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schreibimpuls 2:

Lass dich von dem Bild zu einem Text inspirieren.

Dazu Entstanden:

Jukebox

 

Der Blick auf die Jukebox ist für mich eine Reise in die Vergangenheit. Ad hoc fällt mir der Song „Oh Carrol“ von Neil Sedaka ein. Dieses Lied begleitet mich als Ohrwurm nun schon den ganzen Tag. „I am but a fool“

Eine Zeit, an die ich manchmal wehmütig zurückdenke. Einkaufen ohne Musikberieselung, im Wartezimmer warten und selbst auf dem ‚stillen Örtchen‘ war es ruhig. Die Musikbox oder das Groschengrab stand an exponierter Stelle in einem Lokal.

Die kommodenartige Maschine, farbig beleuchtet, mit Holz und Chromverzierungen bestückt, versehen mit über 100 Single-Schallplatten und vielen Wähltasten, großen Lautsprechern, übte auf die Gäste eine magische Anziehungskraft aus.

Münzen einwerfen, Wahltaste drücken, den geliebten Titel auswählen und ab ging die Post. „Darling , I love you though you treat me cruel“. Dem Alltag entfliehen, träumen, tanzen, den Klängen lauschen, beschwingt oder wehmütig der Musik folgen, das hatte seinen Reiz.

Es spielte keine Rolle, wenn die Senioren des Fußballvereines ihre Lieblingssongs wählten oder die Frauen vom Turnverein „Ganz in Weiß“ von Roy Black mitsummten. Dann endlich war die Wartezeit vorbei. „You hurt me, and you made me cry“. Es war immer etwas Besonderes, den geliebten Titel zu hören, Sehnsucht intensiv zu spüren und in eine andere Welt einzutauchen. “But if yu leave me, I will surely die. “

 

Das veränderte Freizeitverhalten und die Verbreitung persönlicher Abspielgeräte wie Kompaktkassetten, Walkman, CD-Spieler führte den Niedergang der Jukebox herbei.

 

Auf einer Geburtstagsfeier 2019 befand sich im Raum eine Jukebox, eine Traube von Menschen stand immer an diesem Gerät. Durch die Wahl der persönlichen Lieblingstitel der 50er bis 80er Jahren reisten wir in die Vergangenheit.

 

 © Maria Boyn

 

 

Texte in dieser zeit:

Wer ist stärker

 

Ein Gespräch zwischen Mensch und Corona-Virus

 

Mensch:         Wer bist du? Woher bist du eigentlich gekommen, und warum frisst du dich durch den ganzen Erdball?

 

Virus:             Spielt das für deinen Umgang mit mir eine Rolle? Genau so könnte ich doch auch dich fragen. Woher bist du gekommen und warum bevölkert deine Spezies den Erdkreis?

 

Mensch:         Ich bin Mensch, das bedeutet, ein Lebewesen für diese Erde gemacht, das Produkt einer Entwicklung von vielen Millionen Jahren. Es hat mit mir einen Anfang gegeben, der auf einen Schöpfer zurückgeführt werden kann. Ich habe Leib, Geist und Seele. Auf diesem Planeten bin ich einmalig. Deshalb nennt man mich „Krone der Schöpfung“.

 

Virus:             Ich bin dagegen ein „Etwas“. Meiner Ausprägung haben sie sogar einen Namen gegeben: Covid-19. Man sagt, ich sei ein Virus. Aber ihr Menschen wisst nicht einmal, ob ihr das oder der Virus sagen wollt. Die meisten eurer Forscher sprechen mir sogar ab, dass ich ein Lebewesen sein könnte. Ich bin winzig, habe keinen eigenen Stoffwechsel. Meine Existenz ist darauf angewiesen, dass ich lebende Zellen befalle, sonst kann ich nicht existieren. In dieser Ausformung jetzt befalle ich menschliche Zellen. Das geschieht aber ohne eine willentliche Entscheidung von mir. Es ist meine Natur. Dadurch löse ich bei den Menschen Krankheit und sogar Tod aus. Du, „Krone der Schöpfung“ entscheide also selbst, wer der Stärkere von uns ist.

 

Mensch:         Gut, du bist da und ich bin da. Es kursieren bei uns zur Zeit viele Theorien und Konzepte, wie wir dich besiegen und schadlos machen können. Ungefragt befällst du Menschen und vermehrst dich rasend, schränkst uns und unsere Lebensgewohnheiten   ein und schickst dich an, uns zu vernichten. Wir kennen dich noch viel zu wenig, wissen noch nicht einmal genau, wie du auf die menschlichen Zellen kommst, d.h. wie wir uns vor dir absolut schützen können.

 

Virus:             Da ist also kein großer Unterschied zwischen dir und mir. Schließlich arbeiten ja auch Heerscharen von Forschern auf der Welt daran, ein Gift zu finden, mit dem ich vernichtet werden kann. Sollten sie ein solches finden, werden sie es ungehemmt einsetzen, mich zu töten, damit ihr weiter in aller Ruhe leben könnt.

 

Mensch:         Du ahnst nicht, wie ich diesem Tag entgegenfiebere. Denn wir nehmen dir ja besonders übel, dass du dich so rasch und unendlich vermehrst. Du hast eine Pandemie ausgelöst, also eine Epidemie, die den Erdball befallen hat. Deinetwegen, und um eine Ansteckung mit dir zu verhindern, laufen wir mit Mund- und Nasenmasken herum, lassen alle Veranstaltungen ausfallen, bei denen wir vielen Mitmenschen begegnen können. Und im Endeffekt nehmen wir so etwas wie eine Vereinsamung in Kauf. Bei alten und kranken Menschen hast du ein leichtes Spiel. Um die zu schützen darf niemand die besuchen. So vereinsamen sie und sind traurig. Du hast es also besonders auf Menschen abgesehen, die unserer Hilfe und unserer Zuwendung am meisten bedürfen.

 

Virus:             Mach mir aber bitte daraus keinen Vorwurf. Ich entscheide ja nicht bewusst zu euren Ungunsten. Sich unendlich und rasch zu vermehren und auch menschliche Zellen zu befallen, das ist doch mein Wesen, das ist meine Existenzmöglichkeit. Dazu bin ich da!

 

Mensch:        Und genau deshalb bist du uns so unheimlich. Wir haben dadurch keine Möglichkeit, dich rechtzeitig abzuwehren. Es wird bei uns fieberhaft nach Impfstoff und Medikamenten geforscht, mit denen wir dich beherrschen könnten. Aber leider bist du in vielen deiner Formen uns einfach immer einen Schritt voraus, sind wir immer – mindestens zu Beginn deines Auftretens - die Unterlegenen. Für uns bist du hinterhältig und im wahrsten Wortsinn lebensgefährlich.

 

Virus:             Deshalb darfst du mir keinen Vorwurf machen: Ich, das/der Virus, möchte einfach da sein, und du, Mensch, möchtest auch überleben. Ich kann von meinem Wesen her nicht anders, als euch zu gefährden und evtl. sogar zu töten. Aber du, Krone der Schöpfung, kannst dir bewusst machen, dass dein Leben eine Kehrseite hat, die bedeutet sowohl Freude und Lust als auch Krankheit und Last und sie bedeutet auch unausweichlich Tod als Ende des Erdenlebens.

 

Mensch:         So sind und bleiben wir einander feindlich. Du und ich, wir verteidigen unsere je eigene Existenz. Immerhin, noch steht es zwischen uns weitgehend unentschieden.

 

 © Edeltraut Nölkensmeier April 2020

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